Wer heutzutage eine Compilation zusammenstellt, diese dann auch noch veröffentlichen und im Idealfall gar verkaufen möchte, der muss eine wirklich gute Geschichte erzählen. Florian Seyberth und Peter Heider hatten schon immer eine interessante Story parat, seitdem ihr Debüt-Album “Satta” 2001 eine ganze Ära prägte. Eine Reihe von weiteren Alben und diversen Mixtapes auf renommierten Label wie Stereo Deluxe, !K7 oder der R&S-Tochter Apollo später hat das Komponisten- und Produzenten-Duo aus Nürnberg mit “Shimmer“ ein musikalisches Zuhause gefunden. 2017 erschien die erste Folge, jetzt legen Boozoo Bajou mit „Shimmer – A Selection By Boozoo Bajou Vol. 2“ einen zweiten faszinierenden Mix von 17 Tracks aus fünf Jahrzehnten populärer Musik vor.

„Die erste Folge geriet uns etwas sehr düster“, erinnert sich Florian Seyberth. „Also dachten wir, dass Volume 2 etwas freundlicher werden sollte. Wir sind in einer Zeit aufgewachsen, in der es beim DJing und Kompilieren um das Erzählen einer Geschichte ging. Heute fühlt es sich an, als ob ein paar technische Skills und eine große Festplatte ausreichen. Wir hoffen, dass ‘Shimmer’ etwas vom freien Geist der analogen Club-Ära in die digitale Gegenwart holen kann.“ Damien Jurado setzt diese Idee mit „Allocate“ mit seinem Ambient-Folk perfekt in Szene, bevor Carmen Villains „Infinite Avenue“, auf Smalltown Supersound erschienen, positive skandinavische Melancholie ins Spiel bringt. Michael Nau holt mit dem hypnotischen „Smooth Aisles“ aus seinem 2016er Debüt „Mowing” danach den Soul auf “Shimmer”.

„Tarbox Poltergeist“ vom The Entourage Music and Theater Ensemble ist ein scheinbar vergessener früher Ambient-Folk-Klassiker. Einst auf Folkways veröffentlicht und später wieder bei Tompkins Square aufgelegt, bringt er uns einer ganz besonderen Perspektive der interdisziplinären US-amerikanischen Gegenkultur aus Tanz, Musik und Theater näher. Der Übergang zu „Oscura Primavera“ von Can passiert ohne Bruch. „Wir sind so glücklich, einen Track dieser legendären Band auf unserer Compilation zu haben,” sagt Seyberth über das hypnotisch groovende NY/VU-mäßige Instrumental. Mit „Uhuuus“ und „Daytripper“ folgen zwei brandneue und bislang unveröffentlichte Stücke von Boozoo Bajou, die nahtlos in die zweite Hälfte von „Shimmer – Vol. 2” überleiten.

Mit Isabelle Mayereaus mysteriösem „On A Trouvé …” stellen Boozoo Bajou ihre Kenntnis über minimalen europäischen Artpop der frühen achtziger Jahre unter Beweis. Raf Rundell ist als zeitgenössischer Künstler mit seinem “Within Without” erstaunlicherweise nicht weit entfernt, genauso wie Valentina Mora und ihr zwischen Detroit und Manchester pendelnder „Ash Walk” sowie Al Chems fröhlich groovender “No Hopper”.

Was für eine Idee, diesem Trio aktueller, elektronischer Musik einen Standard aus dem Katalog der Neville Brothers folgen zu lassen. Mit seinen sparsamen Drums, monochromen Vocals und seiner deutlichen sozialen Botschaft ist der Song aus dem 1908er-Album “Brother’s Keeper” wirklich ungewöhnlich. Auf “Darkness” nimmt Fat Jon The Ample Soul Physician die Botschaft in einem Drum & Bass-Track auf, der fließend in “The Border”, den Slowmotion-Indiepop von Astronauts, etc. mündet.

1972 veröffentlichte die legendäre französische Schriftstellerin, Komponistin und Sängerin Brigitte Fontaine ihr autobiographisches „Brigitte“. Keine Frage, nach diesem Statement kann „Shimmer Vol. 2“ nur mit zwei Instrumentals abgerundet werden. Gaussian Curves „Ceremony“ vom umtriebigen holländischen Label Music From Memory beschreitet Wege jenseits statischer Ambient-Klänge. Natürlich sind es Boozoo Bajou höchstpersönlich, die mit ihrem bislang unveröffentlichten Titelsong den Kreis von “Shimmer – A Selection By Boozoo Bajou Vo.2” schließen und auf wunderbare Weise den Knoten lösen. Was für eine Geschichte!